Die Mechanismen der Verschwörungstheorien verstehen und darauf reagieren

| Gastbeitrag

Heute sind Fehlinformationen und Verschwörungstheorien im öffentlichen Raum gang und gäbe. Sie kursieren schnell, passen sich der Aktualität an und finden gerade bei jungen Menschen, namentlich via Soziale Medien und Online-Foren Resonanz. Aber was ist eine Verschwörungstheorie? Und wie lässt sie sich von berechtigter Kritik unterscheiden? Warum glauben Menschen daran? Und was sind die Folgen? Und vor allem: Wie kann ich reagieren, wenn jemand davon überzeugt ist?

Auf der Website Dans la tête des complotistes («Im Kopf der Verschwörungstheoretiker», auch Deutsch) wird pädagogisch originell auf diese Fragen eingegangen: Die jungen Menschen können sich hier auf ein immersives Experiment einlassen und sich in Menschen versetzen, die an Verschwörungstheorien glauben. Dieses Experiment des Komikerduos Les Infiltrés wurde von Pascal Wagner, Spezialist für Sozialpsychologie begleitet. Es macht die Überzeugungsmechanismen, die kognitiven Verzerrungen und die Dynamiken verständlich, die für Fehlinformationen empfänglich machen. 

Wir haben mit Yasmina Leu gesprochen. Sie ist Distribution & Impact Manager der NGO OurFrame, die das Projekt initiiert hat. Wir danken ihr herzlich für ihre Gesprächsbereitschaft. 


Was hat Sie motiviert, das Projekt «Dans la tête des complotistes» zu lancieren? Inwiefern untescheidet sich dieses immersive Experiment von den herkömmlichen Methoden bei der Sensibilisierung für Desinformation? 

Laut einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) haben über ein Drittel der Schweizer Bevölkerung eine konspirative Neigung. Die Verschwörungstheorien sind aber nicht zufällig im Umlauf: Sie werden speziell in Form von Videos verbreitet und beruhen auf wiederkehrenden Mustern und wohlbekannten kognitiven Verzerrungen. Das hat uns motiviert, das Projekt «Dans la tête des complotistes» zu lancieren. 

Unser immersiver Ansatz unterscheidet sich von herkömmlichen Methoden, weil er Desinformation nicht nur anprangert sondern ihre Mechanismen erlebnishaft von Innen unter die Lupe nimmt. 

Dazu haben wir mit dem Komikerduo Les Infiltrés ein YouTube-Video gedreht. Vorgegangen sind sie wie folgt: Zuerst erfanden sie eine falsche Verschwörungstheorie und verbreiteten sie an unterschiedlichen Orten – Soziale Medien, auf der Strasse und an der Universität –, um herauszufinden, wie überzeugend sie ist. Begleitet vom Forscher Pascal Wagner zeigten sie, welche Überzeugungsmechanismen und kognitive Verzerrungen dabei im Spiel sind. 

Weitere Informationen dazu finden sich in unserem Hintergrund-Video, ebenfalls auf YouTube, das unser Vorgehen und die einzelnen Projektschritte detailliert beschreibt. 


Ihr Projekt richtet sich hauptsächlich an 15- bis 25-Jährige. Wie können es Präventions-, Bildungs- und Sozialfachleute konkret verwenden? 

Das Video funktioniert sehr gut, weil es die Codes und ein Format verwendet, das diese Altersgruppe besonders gut kennt. So kann sich dieses Publikum leicht damit identifizieren und wird zum Nachdenken angeregt. Doch das Video ist nur ein Anfang und soll als Arbeitsmittel für Workshops, Vorträge und Diskussionen zum Gespräch anregen. 

Darum haben wir neben dem Video auch eine Website geschaffen, auf der nützliche Materialien zur Hilfe bei Radikalisierung und zur Vertiefung des Themas bereitstehen. Und ein spezifisches Glossar kommentiert die kognitiven Verzerrungen in verschiedenen Szenen des Videos. 

Daneben haben wir mit der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) und dem Forscher Pascal Wagner Lehrblätter entwickelt, die Verständnis für die Mechanismen von Verschwörungstheorien schaffen. Damit können die Fachleute ohne weiteres eigene Workshops durchführen. 


Wenn Sie über das Projekt hinausdenken, welche wichtigsten Faktoren sehen Sie dafür, dass junge Menschen heute für Verschwörungstheorien besonders anfällig sind? 

Die Jugendlichen leben heute in einem digitalen Umfeld, das von Informationen überflutet ist und in dem sich zuverlässige und irreführende Inhalte vermischen. Die Sozialen Medien verstärken dieses Phänomen, weil sie Inhalte begünstigen, bei denen Tempo, Emotionen und Engagement im Vordergrund stehen, ohne dass ihr Wahrheitsgehalt immer gesichert ist. Gemäss Medienmonitor Schweiz üben die digitalen Plattformen mit rund 40 Prozent den grössten Einfluss auf die 15- bis 29‑Jährigen aus. 

Hinzu kommen die Fortschritte der künstlichen Intelligenz. Mit Deepfakes machen sie Fehlinformationen so glaubhaft, dass sie kaum noch zu entlarven sind. 

Auch der emotionale Aspekt ist sehr wichtig. Viele konspirative Inhalte spielen mit Angst, Überraschung und Aha-Erlebnissen. Das sind äusserst wirksame Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen – oft wirksamer als eine nuancierte Erklärung. 

Alle diese Faktoren schaffen gemeinsam einen Nährboden für Zustimmung, besonders in einem Alter, in dem man für die Berichterstattung Orientierung sucht. 


Welche Strategien empfehlen Sie vor dem Hintergrund der zunehmenden Polarisierung, um mit Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, konstruktiv ins Gespräch zu kommen? 

Der Glaube an Verschwörungstheorien entsteht nicht aus dem Nichts. Er beruht oft auf einem Narrativ, das die Person als zusammenhängend wahrnimmt. Darum ist die offene Konfrontation selten hilfreich.  

Es ist besser, über die Mechanismen zu sprechen als über die gezogenen Schlüsse: Die Informationsentstehung, die Quellen und die Verzerrungen können hinterfragt werden. Das Projekt hat ja gezeigt: Eine Theorie kann glaubwürdig scheinen, einfach weil sie gut erzählt wird. 

Auch sollte das Gespräch längerfristig gepflegt werden. Das Ziel ist nicht, jemand jetzt zu überzeugen, sondern ihn zum Nachdenken anzuregen. 

Dabei ist ein urteilsfreier Rahmen wichtig. Denn solche Glaubensformen sind oft mit starken Gefühlen behaftet, und ein konstruktiver Dialog muss dies berücksichtigen.

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