Jugendgewalt – Prävention verstehen und wirksam handeln

| Nicole Kumli Ryter

Gewalt unter oder durch Jugendliche sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Die mediale Aufmerksamkeit ist bei Jugendgewalt hoch und rasch im Zentrum des öffentlichen Bewusstseins. Die öffentliche Diskussion dreht sich dabei um Besorgnis, Schuldzuweisungen und Forderungen nach härteren Strafen. Letzteres lässt aufhorchen, da Jugenddelinquenz gemäss Polizeilicher Kriminalstatistik 2025 seit 2020 mehrheitlich rückläufig ist. Weniger als 1 % der Jugendlichen begehen in einem Jahr ein Gewaltdelikt. Fakt ist aber auch, dass insgesamt mehr Kinder (10 – 14 Jahre) wegen Gewaltdelikten angezeigt wurden.

Präventionsarbeit 

Trotz rückläufiger Tendenz gilt es, die Jugendlichen und ihre Sorgen ernst zu nehmen und vor allem rechtzeitig Jugendliche in schwierigen Lebensumständen und belastenden familiären Strukturen zu unterstützen. Insbesondere die Tendenz zu Verschwörungstheorien und die Radikalisierung von Jugendlichen im Internet sind eine zunehmende Gefahr. Hier werden die Gesellschaft und Politik weiterhin gefordert sein. 

Fachpersonen sind sich einig: Jugendgewalt entsteht nicht plötzlich. Sie entsteht meist aus ungünstigen sozialen, familiären und individuellen Einflüssen.  

Hier setzt Prävention an. In der Fachwelt unterscheidet man drei verschiedene Ansätze der Präventionsarbeit: Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Ziel ist es, Risiken früh zu erkennen, Eskalationen zu verhindern und betroffene Jugendliche langfristig zu stabilisieren. Es gilt: Ein Franken in die Prävention investiert, spart später ein Vielfaches an Kosten.  

Primärprävention 

Die Primärprävention richtet sich an alle Kinder und Jugendlichen. Ziel ist es, Schutzfaktoren aufzubauen respektive zu stärken, bevor problematisches Verhalten entsteht. Beispiele sind Projekte zur Förderung von Empathie und Selbstwertgefühl oder auch Aufklärung bezüglich rechtlicher Rahmenbedingungen. Die Schweizerische Kriminalprävention SKP leistet hier ihren Beitrag und erarbeitet für und mit Präventionsfachleuten der Polizei Broschüren, Unterrichtsmaterial sowie Kampagnen zur Sensibilisierung der Jugendlichen und deren Bezugspersonen. Die Rechtsreihe beispielsweise zeigt die Rechtsgrundlagen in verschiedenen Lebensbereichen auf. Diese Produkte werden mitunter von der Polizei im Rahmen der Schulbesuche benutzt. Mittels der schweizweiten Kampagne «dini Muetter» wurde wiederum die Messergewalt thematisiert und auf deren Gefahren sensibilisiert. 

Sekundärprävention 

Die Sekundärprävention setzt bei Jugendlichen an, die einem erhöhten Risiko, straffällig zu werden, ausgesetzt sind. Durch frühe Interventionen wie Schulsozialarbeit, Familienbegleitung oder Anti-Gewalt-Trainings sollen Eskalationen verhindert und gewaltfreie Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden. Die Jugendpolizei wiederum sucht gezielt den Kontakt zu Jugendgruppierungen, welche im öffentlichen Raum durch ihr Verhalten auffallen. 

Tertiärprävention 

Die Tertiärprävention richtet sich an Jugendliche, die bereits gewalttätig geworden sind. Massnahmen wie Täterprogramme oder Resozialisierungsangebote verfolgen das Ziel, Rückfälle zu vermeiden. Die Praxis hat mehrfach gezeigt, dass eine Stigmatisierung von auffälligen Jugendlichen nie einer nachhaltigen Lösung dient. 

Interviews 

Um die zwei letzteren Ansätze der Prävention besser zu verstehen, haben wir mit einem Experten und einer Expertin ein kurzes Interview geführt. 

Sekundärprävention: Reto Bachmann, Leiter Jugenddienste, Kantonspolizei Bern

Welche Warnsignale zeigen, dass ein Jugendlicher ein erhöhtes Risiko für Gewaltverhalten entwickelt? 

Im öffentlichen Raum und bei der Erfüllung der Polizeiaufgaben haben wir meistens nur punktuell Kontakt mit einzelnen Jugendlichen oder Jugendlichen in Gruppen. Unsere Wahrnehmung beschränkt sich daher oft auf einzelne Situationen, wodurch Warnsignale nicht leicht erkennbar sind. 

Entscheidend sind der Anlass des Polizeieinsatzes, gemeldete Informationen und eigene Feststellungen. Wichtige Indikatoren sind Drohungen, Streitigkeiten, Tätlichkeiten sowie erkennbare Auswirkungen von Alkohol- und/oder Drogenkonsum. Auch wiederholte Polizeikontakte gelten als Warnsignal. Hinweise auf Diskriminierung, Radikalisierung oder ähnliche Entwicklungen werden von Anfang an genau geprüft. 

Wo liegen aktuell die grössten Herausforderungen in der aufsuchenden Präventionsarbeit? 

Für die Polizei steht zunächst die Frage im Vordergrund, ob ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt. In solchen Fällen haben Ermittlungen Priorität. Bleibt eine Strafverfolgung aus, können freiwillige Präventionsgespräche geführt werden (s. nächste Frage). Bei laufenden Verfahren wird die Jugendanwaltschaft vorgängig einbezogen. 

Im Rahmen von Jugendpatrouillen suchen unsere Jugendverantwortlichen den Kontakt zu Jugendlichen im öffentlichen Raum. Ziel ist es, für Themen wie das Mitführen von Messern, Risiken von Social-Media-Challenges oder Gefahren im Strassenverkehr zu sensibilisieren und Fragen zu beantworten. Eine grosse Herausforderung ist dabei das Ressourcenmanagement, insbesondere an Wochenenden. 

Welche Interventionen wirken Ihrer Erfahrung nach besonders gut, bevor Gewalt eskaliert? Haben Sie ein Beispiel aus der Praxis? 

Ein wichtiger Faktor ist eine sichtbare Polizeipräsenz. Bei auffälligem Verhalten ohne strafrechtliche Relevanz haben sich freiwillige Präventionsgespräche mit Jugendlichen und ihren Eltern bewährt. Dabei werden Beobachtungen der Polizei besprochen, die Jugendlichen mit ihrem Verhalten konfrontiert und die Eltern informiert. Gleichzeitig erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Sicht darzulegen. 

Diese Gespräche bieten die Möglichkeit, auf Unterstützungsangebote hinzuweisen. Besonders bei jüngeren Jugendlichen haben solche Präventionsgespräche nach wiederholtem auffälligem Verhalten häufig zu einer positiven Entwicklung aus polizeilicher Sicht beigetragen. 

Tertiärprävention: Simone Hunziker, Geschäftsführerin ensira GmbH, Krisenprävention und -intervention sowie Präsidentin SIfG Schweizer Institut für Gewaltfragen 

Welche Faktoren entscheiden darüber, ob ein Jugendlicher, der Gewalt anwendet, langfristig sein Verhalten ändern kann? 

Eine echte Perspektive auf Bildung, Arbeit und vor allem Zugehörigkeit ist zentral. Entscheidend sind verlässliche, authentische Bezugspersonen, die sich wirklich interessieren, Widerstand leisten und beharrlich bleiben – auch bei Regelverstössen. 

Ist eine Beziehung aufgebaut, können Perspektivenwechsel (Empathie), Wertediskussionen und alternative Strategien zur Gewaltanwendung zielführende Methoden sein. 

Grundsätzlich muss jede Geschichte individuell betrachtet werden, da Gewalt unterschiedliche Ursachen hat, etwa wenn sie in der Familie als normal erlebt wurde. 

Sehr häufig ist Scham ein entscheidender Faktor. Jugendliche wollen beschämende Situationen vermeiden und nutzen Gewalt oft als effektive Abwehr. In solchen Fällen gilt es, gemeinsam Wege zu finden, mit Scham umzugehen und sie als Entwicklungsanstoss zu nutzen. 

Welche Rolle spielen Umfeld, Familie und Schule im Resozialisierungsprozess? 

Eine sehr entscheidende: Das Erleben von Zugehörigkeit und Bedeutsamkeit sind entscheidende Faktoren, damit ich Konflikte friedlich lösen kann. Wenn ich befürchten muss, ausgegrenzt zu werden, werde ich mich aus evolutionsbiologischen Gründen wehren. Wenn ich aus «der Herde» ausgegrenzt werde, werde ich gefressen. 

Was müsste sich gesellschaftlich oder politisch verändern, damit Rückfälle öfter verhindert werden können? 

Aktuell scheint es immer legitimer zu werden, Ausgrenzung und Zuschreibungen gegenüber bestimmten Gruppen offen zu äussern. Auch rassistische und abwertende Aussagen gegenüber Schwächeren werden zunehmend akzeptiert. Gerade Personen in öffentlichen Ämtern, wie Politiker:innen, sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. 

Wir brauchen echte Toleranz, Offenheit und Teilhabe als wichtige Voraussetzungen für Gewaltprävention. Dazu kann jede und jeder einen Beitrag leisten. 

Ich wünsche mir mehr echten und friedlichen Diskurs. Bei Rassismus und Ausgrenzung werden derzeit Grenzen verschoben. 

Haben Sie uns ein positives Beispiel aus der Praxis, wie einem vorbelasteten Jugendlichen dank Unterstützung wieder die Integration in den Schulalltag respektive in die Gesellschaft gelang? 

Ja – Jugendliche einer «berüchtigten» 3. Sek C-Klasse erlebten im letzten Schuljahr eine Lehrperson, die sie respektvoll und beharrlich förderte und forderte. Gerade wenn es sehr schwierig wurde, blieb diese nahe dran und aktivierte auch das Umfeld. Dies führte dazu, dass alle Schüler/innen eine Anschlusslösung gefunden haben, was von dieser Klasse wirklich nicht erwartet wurde. Sie konnten ihre Schulzeit mit einer gemeinsamen Abschlussreise positiv beenden.  

Vielen Dank an Simone Hunziker und Reto Bachmann für die interessanten Einblicke und ihr tägliches Engagement für junge Menschen sowie die Präventionsarbeit. 

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