
Kriminalprävention geht uns alle an, auch in den Sozialen Medien
| Sharon Carminati
Wie können Jugendliche, Erwachsene, Seniorinnen und Senioren in einer immer digitaleren Welt für Kriminalprävention sensibilisiert werden? Die Antwort von François Nanchen, Polizist und «eCop», ist klar: über die Sozialen Medien. Hier führt er Tag für Tag das Gespräch mit der Bevölkerung über Kriminalität im Netz und offline. Dabei pflegt er eine direkte, menschliche, oft humorvolle Sprache, damit Prävention für alle zugänglich wird.
Polizist wurde François Nanchen 2001 und arbeitete zuerst auf dem Terrain als Ermittler in den Bereichen Betäubungsmittel und Sexualdelikte. Danach leitete er sechs Jahre lang die Waadtländer Zentralstelle für Cyberpädokriminalität. 2022 wechselte er zur Abteilung Kriminalprävention. Bis heute stellt er hier seine Erfahrung in den Dienst der Sensibilisierung und der Prävention. Im Interview gibt er uns einen Einblick in seinen Alltag als eCop und teilt seine Sicht der Kriminalität im digitalen Zeitalter mit uns.
Wie kam es zu Ihrem Instagram-Account ecop.françois? Und worin besteht Ihre Arbeit als eCop genau?
Die Leitung der Kriminalprävention wollte die Minderjährigen dort abholen, wo sie am häufigsten anzutreffen sind: in den Sozialen Medien. Die Idee: Eine eigens dafür angestellte Polizeiperson postet Präventionsbotschaften. Eine neue Stelle wurde geschaffen, und ich hatte das Glück, eingestellt zu werden! Dank meiner Erfahrung in der Zentralstelle Cyberpädokriminalität kannte ich die Sozialen Medien, und Videos waren mein Hobby. Die perfekte Kombination für diese neue Herausforderung.
Als eCop poste ich Präventionsbotschaften auf Instagram, TikTok, YouTube, Threads, LinkedIn und Facebook (über meinen privaten Account). Für Seniorinnen und Senioren, die ein Handy haben, aber nicht in den Sozialen Medien unterwegs sind, habe ich einen eigenen WhatsApp-Kanal geschaffen. Oft veröffentliche ich Videos, manchmal Carousels. Dabei ist es mir wichtig, die Kommentare zu moderieren und die vielen Follower-Nachrichten zu beantworten.
Als Sie Polizist wurden, hätten Sie sich da träumen lassen, dass sie einmal für über 100 000 Menschen in der Romandie zur Instagram-Referenz werden?
Nein, das habe ich mir nicht vorgestellt, auch weil es die Sozialen Medien 2001 noch gar nicht gab (lacht).
Wie haben die Sozialen Medien die Kriminalprävention verändert?
Ich sehe mehrere Vorteile, wenn wir für unsere Botschaften die Sozialen Medien verwenden:
- Der angesprochene Personenkreis ist grösser, und es sind alle Alters- und Gesellschaftsgruppen vertreten.
- Die Reaktionszeit ist extrem kurz, und Informationen können praktisch in Echtzeit verbreitet werden.
- So können wir einfache Bürger:innen zu Präventionsakteuren machen, indem wir sie direkt zu Wachsamkeit und Informationsvermittlung anleiten, was die Präventionsmassnahmen effizienter macht.
- Weil die Sozialen Medien schnelllebig sind und Posts viral gehen können, kann die Polizei auch Humor einsetzen, um ihre Präventionsbotschaften wirkungsvoller zu gestalten, sich von der menschlichen Seite zu zeigen und von der Öffentlichkeit positiver wahrgenommen zu werden.
Können Sie uns einen konkreten Fall nennen, bei dem ein Follower dank Ihren Posts ein Problem abgewendet hat?
Regelmässig erhalte ich Dankesnachrichten von Follower:innen, weil ihnen meine Videos geholfen haben, einen Betrug zu vermeiden. Hier ein konkretes Beispiel, das ich vor ein paar Tagen erhalten habe:
«Jetzt haben wir genau so einen Polizistentrick erlebt. […] Ich danke Ihnen enorm für Ihre Videos. Dank ihnen konnte ich meinen Vater retten. Als der falsche Polizist im Haus war, gab ich vor, nach draussen zu gehen, und rief die Polizei an.»
Wie lassen sich heikle Themen wie Sicherheit und Prävention gerade in den Sozialen Medien anschneiden, ohne moralisierend oder langweilig zu wirken?
Ich finde, Humor und Selbstironie sind wichtige Hilfsmittel, um das Publikum zu erreichen. Besonders gut funktionieren kurze, prägnante Videos. Aber auf die Dosis kommt es an: Einige Techniken für virale Inhalte – etwa super polarisierende Botschaften, die viele Kommentare und Shares generieren – mögen die Sichtbarkeit zwar übermässig steigern, schaden aber dem Image der Institution, die sie postet.
Hat sich mit den Sozialen Medien die Beziehung zwischen Jugend und Polizei verändert? Wenn ja, wie?
Weil keine Zufriedenheitsbefragung durchgeführt wurde, ist eine genaue Antwort schwierig. Mein Eindruck ist aber, dass die Sozialen Medien diese Beziehung verändert haben. War sie früher vertikal und distanziert, so ist sie heute vermehrt horizontal und vertrauensbasiert.
Beteiligen sich Ihre Follower:innen aktiv an der Prävention, etwa indem Sie Verdachtsfälle melden oder um Rat fragen?
Natürlich. Die meisten meiner Posts sind von Informationen aus der eCop-Community inspiriert (lächelt).
Was sind heute die grössten Herausforderungen im Cyberspace?
Für mich ist die grösste Herausforderung die Zunahme der Online-Betrugsfälle und, namentlich dank KI, die Perfektionierung der Vorgehensweisen. Hinzu kommen Cybermobbing, Fakenews, die Verwendung von Messaging-Apps durch das organisierte Verbrechen und die Radikalisierung im Internet.
Sehen Sie die Künstliche Intelligenz für Ihre Arbeit als Hilfe oder als zusätzliche Gefahr?
Sie kann beides sein. Einerseits hilft sie den Gaunern bei der Fabrikation von Betrügereien, andererseits bietet sie leistungsstarke Tools, um diese zu erkennen und vorzubeugen.
Wie stellen Sie sich die Kriminalprävention in zehn Jahren vor?
Ich denke, die Menschen werden dem, was sie im Internet sehen, immer misstrauischer gegenüberstehen. Auch wenn die digitalen Kanäle für die Aufklärung der Bevölkerung zentral bleiben werden, müssen wir das Zwischenmenschliche, die Nähe und das Vertrauen zunehmend in den Vordergrund rücken, gerade auch bei den jungen Menschen.
Welche Botschaft möchten Sie Ihrer Community als Ganzes vermitteln?
Betrügereien, gefälschte Profile, zweifelhafte Links und «traumhaft schöne» Versprechen gehören heute zum kriminellen Alltag.
Bevor Sie klicken oder bezahlen, nehmen Sie sich 10 Sekunden Zeit, denken Sie nach, prüfen Sie die Quelle, misstrauen Sie Zeitdruck und anderen Druckversuchen.
Berichten Sie in Ihrem Umfeld von den Betrügereien, melden Sie sie, bleiben Sie wachsam; so leisten Sie aktiv Prävention. Denn die Sicherheit geht uns alle an – online und offline.
François Nanchen, vielen Dank für das Interview und Ihr tägliches Engagement für die Kriminalprävention.

